
Mit Mut und Fingerspitzengefühl
Vivian Offiah ist Masseurin und medizinische Bademeisterin im Therapiezentrum– und blind. Neben langjährigem Wissen und einem besonders sensiblen Handgefühl hat sie eine klare Haltung.
Vivian Offiah kennt in ihrem Therapieraum nahe der Anmeldung jeden Millimeter, dort führt sie seit fast 15 Jahren Behandlungen für stationäre und ambulante Patientinnen und Patienten des St. Josef-Stifts durch. Egal ob klassische oder Bindegewebsmassagen, heiße Rollen, Lymphdrainagen, Wärmepackungen und Elektrotherapie – Vivian Offiah bietet ein großes Programm an. „Nur auf Angebote im Wasser verzichte ich mittlerweile, das wäre für mich und die Teilnehmenden zu gefährlich“, erklärt die 36-Jährige.
In der Nähe von Osnabrück wird Vivian Offiah mit einer Sehbehinderung von 15 Prozent geboren. „Durch einen Sportunfall habe ich dann zusätzlich als Jugendliche auf dem rechten Auge einen Großteil der Sehkraft verloren, vor einigen Jahren dann aufgrund einer frühen Coronainfektion auch die Sehkraft auf dem anderen Auge“, erklärt sie. „Mein Vorteil war, dass ich von Anfang an Förderschulen besucht habe, wo ich den Umgang mit Hilfsmitteln mitgelernt habe.“ Auf den Schulen ging es auch um Zukunftsplanung: „Uns wurde dort nahegelegt, dass wir in einen Beruf einsteigen sollten, der mit unserer Sehbehinderung vereinbar ist.“ Das sind zum Beispiel Berufe, die in Büros, Küchen oder im Gesundheitswesen stattfinden.
Für Vivian Offiah war früh klar, dass sie Therapeutin im Gesundheitsbereich werden möchte. So entschied sie sich dazu, ein Ausbildungspraktikum in der Raphaelsklinik in Münster zu absolvieren: „Dort habe ich schon gemerkt, dass mir das Krankenhaus als Arbeitsplatz gut gefällt. Ein Bericht über den ersten Reha-Anbau hat mich auf das St. Josef-Stift aufmerksam gemacht, und ich habe ich mich nach meiner Ausbildung für eine Vollzeitstelle als Masseurin und medizinische Bademeisterin beworben“, erinnert sie sich. Auf ihre damalige Seheinschränkung wurde im Therapiezentrum von Anfang an Rücksicht genommen und Pläne beispielsweise mit großer und fetter Schrift ausgedruckt. Vivian Offiah war direkt überzeugt: „Das hat persönlich und von den Anforderungen einfach gepasst. Und diese Rückmeldung habe ich zum Glück auch zurückbekommen. Jetzt bin ich schon seit 2012 mit dabei.“ Seit sie 2024 mit Rheuma diagnostiziert wurde, nimmt sie im St. Josef-Stift auch rheumatische Behandlungsangebote in Anspruch.
„Viele, die ich behandelt habe, gehen mit einem Lächeln auf den Lippen heraus. Sie merken dann ‚Oh, trotz meiner Krankheit oder Einschränkung geht ja doch was!‘, und das freut mich dann auch“
- Vivian Offiah, Masseurin im Therapiezentrum
Mittlerweile kann Vivian Offiah nur noch hell und dunkel unterscheiden, beim Lesen und für den Überblick über ihre Umgebung hilft ihr deswegen eine Kamera: „Das ist eine ‚Orcam‘, sie kann Texte, Gesichter, Geld und vieles mehr erkennen“, erklärt die Masseurin das kleine, auf Knopfdruck sprechende Gerät, das an ihrer Brille befestigt ist.
Weitere wichtige Hilfsmittel sind für sie die Sprachausgaben an Handy und Computer, aber auch ihre Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz: „Ich zögere nicht nach Hilfe zu fragen. Wie soll man jemandem helfen, der sich nicht meldet?“, sagt sie lachend und ergänzt: „Viele nehmen Rücksicht und achten darauf, dass um meinen Arbeitsplatz herum keine Gegenstände oder andere Hindernisse liegen. So kann ich beispielsweise problemlos allein den Wasserkocher für die heiße Rolle bedienen.“ Im Gemeinschaftsraum der Therapeutinnen und Therapeuten hat sie einen festen Platz, und auch die Mitarbeitenden der Therapieplanung stehen ihr jederzeit zur Seite.
Ihre Blindheit empfindet Vivian Offiah als Vorteil: „Mein Handgefühl ist noch besser geworden. Ich habe zum Beispiel eine Thrombose bei einer Patientin ertastet, die niemand bemerkt hatte. Daraufhin wurde ihre Behandlung angepasst“, erzählt sie. Hinzu komm die besondere Arbeitsweise im Stift: „Es sprechen alle respektvoll und wertschätzend miteinander. Wenn mir bei einer Behandlung etwas auffällt, wie zum Beispiel die Thrombose, dann gebe ich es an die behandelnden Ärztinnen und Ärzte weiter, und es wird dann auch ernst genommen. Das ist wirklich ein schönes Miteinander“, sagt sie. „Allerdings leiste ich bei den Patientinnen und Patienten jeden Tag auch Aufklärungsarbeit. Viele fragen mich, warum arbeitest du? Du bist doch blind? Ich frage dann zurück: Warum nicht? Ich kann es doch, warum sollte ich es dann nicht machen? Ich möchte auch zeigen was ich kann“, stellt sie klar. Für Vivian Offiah ist das eine wichtige Nachricht. Sie ist der Meinung: „Egal, welche Behinderung man hat: Wenn ich die äußeren Bedingungen meinem Körper und meinen Bedürfnissen anpassen kann, kann ich alles schaffen.“
Mit ihrer Expertise und ihrem Feingefühl hat sie schon einigen Patientinnen und Patienten geholfen: „Viele, die ich behandelt habe, gehen mit einem Lächeln auf den Lippen heraus. Sie merken dann ‚Oh, trotz meiner Krankheit oder Einschränkung geht ja doch was!‘, und das freut mich dann auch“, erzählt sie. „Man muss sich darauf einlassen, sich selbst neu kennenzulernen. Nicht nur privat, sondern auch beruflich“, sagt sie.

