Transition & Schmerzsyndrom
Der Übergang von der Kinderrheumatologie in die Erwachsenenrheumatologie wird als Transition bezeichnet und wird im St. Josef-Stift Sendenhorst als interdisziplinärer Prozess für jugendliche und junge erwachsene Patient:innen gestaltet. Dies findet auf der Station C1 statt, wo wir neben Jugendlichen mit Rheuma auch junge Menschen mit chronischen Schmerzen am Bewegungsapparat behandeln.


Auf der Brücke zum Erwachsenenalter
Der Begriff „Transition“ stammt aus dem Englischen und kann als Übergang, Überleitung, Wandel oder Wechsel übersetzt werden. Rheumatische Erkrankungen bei Jugendlichen sind häufig beim Eintritt in das Erwachsenenalter noch aktiv und gehen mit erhöhten Krankheitsrisiken und sozialen Einschränkungen einher.
Durch ein strukturiertes und multidisziplinäres Betreuungskonzept wird der Übergang von der pädiatrischen in die erwachsenenorientierte rheumatologische Versorgung koordiniert. Ziel ist es, dauerhafte Therapieakzeptanz und Mitarbeit zu erreichen sowie Krankheitswissen und Selbstmanagement zu verbessern.
Ganzheitliche und strukturierte Transition
In einem strukturierten Transitionsprozess, der frühzeitig z. B. im Alter von 12 bis 14 Jahren beginnen sollte, werden junge Menschen mit Rheuma umfassend auf den Transfer von der Kinder- und Jugendmedizin in die internistisch-rheumatologische Betreuung vorbereitet.
In einem möglichst ganzheitlichen Konzept sollten neben den rein medizinischen Belangen auch psychosoziale, schulische und berufliche Aspekte im Transitionsprozess berücksichtigt werden. Diese Multidimensionalität erfordert eine koordinierte Zusammenarbeit in einem multidisziplinären Team aus Kinder- und Erwachsenenrheumatologen, Pflegenden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen, Sozialberatern, Pädagogen, Berufsberatern, Selbsthilfe etc.
Aufgrund großer individueller Unterschiede orientiert sich der eigentliche Übergang (Transfer) am Entwicklungsstand, der Bereitschaft sowie der Lebenssituation (Schulabschluss, Beginn einer neuen Lebensphase etc.). Eine strukturierte Übergabe setzt eine gute Vorbereitung mit Informationen über Krankheitsgeschichte, bisherige und aktuelle Therapien, Persönlichkeit, Interessen, Sorgen, berufliche Orientierung sowie die Lebenssituation des Patienten voraus.
Transitionskonzept im St. Josef-Stift Sendenhorst
Der Transfer erfolgt z. B. im St. Josef-Stift Sendenhorst unter anderem auch in einer gemeinsamen Visite von Ärztinnen und Ärzten der Klinik für Kinder- und Jugendrheumatologie und der Klinik für Rheumatologie, um das Vertrauensverhältnis zum neuen Behandler herzustellen. Dabei werden auch Behandlungsdaten strukturiert übergeben. Die Kommunikation zwischen den beiden Fachabteilungen geht auch über den Zeitpunkt des Arztwechsels hinaus, um die medizinische Behandlung abzustimmen und die Therapieakzeptanz zu erhalten.
Auch die Einbeziehung der Eltern mit umfassender Aufklärung über die normale Entwicklung in der Adoleszenz, den potenziellen Einfluss der Erkrankung, die Notwendigkeit und Vorteile einer zunehmenden Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ihrer Kinder sind wichtig zur Unterstützung des Transitionsprozesses.
Eigenverantwortung als Schlüsselkompetenz
Um sich als junger erwachsener Mensch im Gesundheitssystem erfolgreich zurechtzufinden, müssen im Transitionsprozess notwendige Fähigkeiten und Kompetenzen erlernt werden. Zentrale Aufgaben der Transition sind, Kenntnisse zu vermitteln, Eigenverantwortung individuell zu fördern, Akzeptanz für die Strukturen und Behandlungen im Erwachsenenalter zu erreichen und den Langzeitverlauf zu beobachten.
Die Klinik für Kinder- und Jugendrheumatologie in Sendenhorst hat zur Unterstützung des Transitionsprozesses auch ein Fragespiel „Transopoly“ entwickelt, das mit Spaß und Spiel den Transitionsprozess auf der Station unterstützt.
Weitere wichtige Elemente sind strukturierte Transitionsgespräche mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Pflege, Therapie und Pädagogik. Diese Gespräche erfolgen in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen ab dem 12. Lebensjahr.
Selbsthilfeverbände fördern Transition
Auch Selbsthilfeverbände wie der Bundesverband Kinderrheuma e.V. organisieren Treffen und Angebote im Rahmen von Peer-Groups, Ausflügen und Camps, die den Jugendlichen einen wichtigen Austausch mit Gleichaltrigen über altersspezifische und krankheitsbezogene Themen ermöglichen, wodurch der Transitionsprozess optimal unterstützt werden kann.

Chronische Schmerzen am Bewegungsapparat bei jungen Menschen
Lange bestehende, generalisierte Schmerzen des Bewegungsapparates sind oft schwer von einer rheumatischen Entzündung abzugrenzen; häufig sind sie durch Druck an vielen Sehnen- und Muskelansätzen auslösbar und gehen teils mit Schlafstörungen sowie mehr Schulfehlzeiten und weniger Sozialkontakten einher. Da Gelenkschwellungen selten oder nur minimal auftreten, erleben Betroffene oft Unverständnis in Familie, Freundeskreis und teils auch im medizinischen Umfeld.
Raus aus dem Teufelskreis chronischer Schmerzen
Schmerz ist ein biologisches Phänomen, das sich bei wiederholtem Auftreten verstärken kann. Aufgrund dieser Wahrnehmung und der gestörten Verarbeitung von Schmerzmechanismen können diese Schmerzen chronifizieren. Zahlreiche andere Faktoren wie auch traumatische Erfahrungen und Belastungen im Umfeld oder eine besondere Lebenssituation können diesen Prozess anstoßen oder fördern. Da diese chronischen Schmerzen am Bewegungsapparat bei Kindern und Jugendlichen sehr verschieden sein können, hat man den Begriff „Juveniles Fibromyalgie-Syndrom“ verlassen. Weitere verwendete Begriffe für dieses Krankheitsbild sind Schmerzverstärkungs-Syndrom oder je nach Symptom generalisiertes Schmerz-Syndrom oder somatoforme Schmerzstörung.
Die chronischen Schmerzen am Bewegungsapparat betreffen überwiegend Mädchen (> 80 %) und beginnen meist um die Zeit der Pubertät. Tritt diese Symptomatik im Rahmen einer rheumatischen Erkrankung auf, spricht man von sekundären chronischen Schmerzen am Bewegungsapparat. In den letzten Jahren beobachtet man eine steigende Zahl von Betroffenen.

Stationäres Schmerzprogramm
Bei Diagnosestellung besteht häufig bereits ein chronifizierter Verlauf mit therapieresistenten Schmerzen des Bewegungsapparates, zahlreichen Arztbesuchen und wochen- bis monatelangen Schulausfällen. Die Therapiekonzepte für chronische Schmerzen am Bewegungsapparat bei älteren Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden weichen deutlich von der Behandlung chronischer Kopf- oder Bauchschmerzen ab und erfordern eine besondere Strukturqualität der Versorgung. Wenige Zentren wie das St. Josef-Stift Sendenhorst bieten auch stationäre Schmerzprogramme im geschlossenen Gruppensetting an.
Die häufig heftigen Schmerzen mit hoher Schmerzstärke sind oft verbunden mit vegetativen Beschwerden. Sie erfordern eine interdisziplinäre und langwierige Behandlung. Therapieziele sind die Wiedereingliederung in den häuslichen und schulischen Alltag, das Erlernen von Strategien zur Schmerzbewältigung sowie eine gute Balance zwischen Aktivität und Erholung, die Förderung der sozialen Integration mit Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten, eine aktive altersgerechte Freizeitgestaltung und die Reduktion von Fehlzeiten in Schule und Ausbildung. Zu einer erfolgreichen Therapie gehört eine Stärkung des Selbstbewusstseins, um eigene Stärken zu erkennen und die Realisation eigener Wünsche zu ermöglichen. Hierdurch wird eine aktive Regulation des Schmerzverhaltens erreicht.
Schmerztherapie auf Station C1
Die multimodale Therapie für junge Menschen
Mittlerweile weiß man, dass chronische Schmerzen einen eigenen Krankheitswert haben und einer sehr umfangreichen Behandlung bedürfen. Medikamente alleine helfen - wenn überhaupt - nur sehr selten. Die Behandlung ist umfangreicher und muss aus verschiedenen therapeutischen Blickwinkeln erfolgen. Deswegen ist es wichtig, dass alle an der Behandlung beteiligten Fachdisziplinen eng zusammen arbeiten (interdisziplinär) und sich mit der Entstehung, Chronifizierung und Therapie von Schmerzen auskennen.
Im Rahmen dieser sogenannten multimodalen Therapie versuchen die verschiedenen Spezialdisziplinen mit Hilfe unterschiedlicher therapeutischer Verfahren gemeinsam mit den Betroffenen einen eigenverantwortlichen und hilfreichen Umgang mit dem Schmerz zu entwickeln und eine Verminderung der Schmerzen und eine Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen:
- Vermittlung von Kenntnissen über die körperlichen und psychischen Zusammenhänge
- Erklärung von Schmerzentstehung und Schmerzaufrechterhaltung
- Bewegungs- und Entspannungsübungen zur besseren Schmerz- und Stressbewältigung
Entscheidend für den Erfolg sind:
- Mitarbeit der Patient:innen
- Übernahme von Eigenverantwortung im Umgang mit der eigenen Schmerzerkrankung
FAQ zur Schmerztherapie
Wie läuft die Multimodale Schmerztherapie auf der C1 ab?
Die multimodale Therapie findet im stationären Setting im Rahmen einer Gruppentherapie über einen Zeitraum von ca. 3 Wochen statt.
Ob eine stationäre Therapie in unserem Setting sinnvoll und auch möglich ist, wird im Vorfeld im Rahmen einer entsprechenden Voruntersuchung geklärt.
Ein Expert:innenteam, bestehend aus den Fachdisziplinen Pädiatrische Rheumatologie, Psychologie, Physio- und Ergotherapie, speziell ausgebildeten Pflegekräften (Pain Nurses), Pädagogik, Motopädie, Kreativtherapie und Klinikschule wird die Patientinnen und Patienten gemeinsam behandeln und unterstützen.
Welche Therapieverfahren kommen zum Einsatz?
Innerhalb der Therapie kommen u. a. folgende Verfahren zur Anwendung:
- Fachärztliche Behandlung und Beratung
- Aktivierende Physiotherapie
- Medizinisches Gerätetraining
- Motorik- und Koordinationstraining
- Pferdegestützte Therapie
- Bewegungsbad
- Arbeitsplatztraining
- Kreativtherapie
- Einsatz verschiedener Sportarten
- Entspannungsverfahren
- Psychotherapeutische Begleitung in Einzel- und Gruppengesprächen
- Patientenseminare
- Verschiedene pädagogische Angebote
- TENS-Therapie
- Aromapraktische Anwendungen
- Schulische Einheiten (Klinikschule)
Was sind eigentlich chronische Schmerzen?
Schmerzen gehören zum Leben wie Hunger oder Durst. Sie dienen dem Menschen als überlebenswichtiges Warnsignal und schützen ihn vor schädigenden Einwirkungen. Normalerweise klingen diese normalen oder auch „akuten“ Schmerzen wieder ab, sobald die auslösende Ursache, z. B. eine Verletzung, ausgeheilt oder beseitigt ist. Hält der Schmerz allerdings länger als 3 - 6 Monate an oder tritt er immer wiederkehrend auf, spricht man von einem „chronischen Schmerz“.
Welche Auswirkungen haben chronische Schmerzen?
Chronische Schmerzen entwickeln sich zu einem eigenständigen komplexen Krankheitsbild. Sie führen zu weiteren Problemen und Beschwerden wie beispielsweise körperliche Schwäche, abnehmende Belastbarkeit, Schlaflosigkeit, Lustlosigkeit, Tagesmüdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Sie können im Laufe der Zeit auch das Fühlen, Denken und Handeln eines Menschen derart bestimmen, dass diesem die Lebensenergie und Zuversicht genommen wird. Dabei ist eine eindeutige organische Ursache bei länger anhaltenden Schmerzen meist nicht mehr zu finden.







